Mittelalterliche Mikwe zu Erfurt
Die mittelalterliche Mikwe ist im Rahmen von gebuchten und öffentlichen Führungen zu besichtigen. Außerdem ist das mittelalterliche Tauchbad jederzeit über ein Fenster im Dach des Schutzbaus einsehbar. Informationen zu unseren Führungsangeboten sowie die Termine von öffentlichen Führungen finden Sie unter Service.
› Service
Lange Nacht der Museen
Am 1. Juni 2012 findet in Erfurt die Lange Nacht der Museen statt. Erstmalig ist auch die mittelalterliche Mikwe mit einem spannenden Programm vertreten.
» Programm Lange Nacht der Museen
Auf dem Quartiersplan sieht man Synagoge, Schatzfundort und die Lage der Mikwe direkt an der Gera. Namen jüdischer Bewohner sind grün, die von Christen schwarz geschrieben. Deutlich wird die durch Besitzernachweise belegte dichte Bebauung des Umfeldes.
Ritus
Das Ritualbad war im Mittelalter neben Synagoge und Friedhof ein wichtiger Bestandteil der jüdischen Gemeinde. Vor allem Frauen nutzten es, weshalb es häufig »Frauenbad« genannt wird. Es diente zur kultischen Reinigung nach Berührungen mit Toten, mit Blut oder anderem, in religiösem Sinne Unreinen.
Frauen tauchten nach der Menstruation und nach Geburten im Bad unter, bevor sie das Bett mit ihren Ehemännern teilen durften. Die körperliche Reinigung erfolgte zuvor in einem Badehaus. Frauen reinigten (»kascherten«) auch Geschirr vor der ersten Benutzung.
Bis 1945 stand direkt am Fluss eine geschlossene Häuserfront. Im zweiten Haus, Kreuzgasse 4 befand sich die Mikwe.
Die Mikwe musste nach mittelalterlichen Vorschriften entweder von Quell- oder Grundwasser gespeist werden, das hier durch die Nähe zur Gera ausreichend vorhanden ist. Im ganzen Jahr war es gleichbleibend kalt, weshalb die Mikwe auch als »Kaltes Bad« bezeichnet wird. Noch heute funktioniert die Wasserversorgung im Becken. Der Wasserstand ist jedoch viel niedriger als im Mittelalter.
2007 konnten bei den ersten Grabungsarbeiten die Nutzungsspuren bis zum Abbruch in den 1960er-Jahren erfasst werden. Man sieht mehrere übereinander liegende einfache Lehmfußböden.
Schriftquellen zur Mikwe reichen zurück bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts. Sie belegen, dass die jüdische Gemeinde für das Bad und für das Grundstück Abgaben zahlen musste, zunächst an den Bischof, später an die Stadt Erfurt. Aus den mittelalterlichen Steuerlisten erfahren wir, dass die Umgebung der Mikwe dicht bewohnt war. Wie überall im jüdischen Quartier lebten auch hier nachweislich Juden und Christen Tür an Tür.
Die Grabungsaufnahme von 2007 zeigt die unmittelbare Nähe zur Krämerbrücke.
Baugeschichte
Wohl schon im 12. Jahrhundert besaß die jüdische Gemeinde eine Mikwe, von der heute lediglich die Südwand erhalten ist. An diese Wand angelehnt wurde im 13. Jahrhundert ein neuer Mikwenbau errichtet, der bis heute in großen Teilen erhalten ist. Das Gebäude war etwa 9 m lang und im Inneren knapp 3 m breit. Die Mauern sind von außergewöhnlich guter Qualität. Gewölbe und oberer sowie unterster Teil der Wände bestehen aus Kalksteinen, die in gleichmäßigen Lagen gemauert sind. Die Nordwand weist eine Lichtnische auf. Der Zugang zur Mikwe erfolgte über eine Treppe von Westen, von der sich die Abdrücke der Stufen an der Nordwand erhalten haben.
Blick auf den Vorgängerbau, von dem eine Mauer ergraben werden konnte.
Das Wasserbecken befindet sich am Gebäudeende in unmittelbarer Flussnähe, auf der kompletten Breite. Auffallend ist ein Wechsel im Mauerwerk. Im Beckenbereich sind auf Höhe des mittelalterlichen Grundwasserstandes in mehreren Lagen ausschließlich große Sandsteinquader verbaut, wie sie sonst in keinem Erfurter Keller zu finden sind. Sie stammen wohl vom Vorgängerbau.
Der nach 1472 erweiterte christliche Friedhof erstreckte sich über einen Teil des ehemaligen Mikwenbaus. Die Ausgrabung und Dokumentation von rund 80 Bestattungen nahm sehr viel Zeit in Anspruch.
Der Pogrom von 1349 hinterließ deutliche Spuren am Gebäude. Offensichtlich wurde die Mikwe, wie viele Gebäude im jüdischen Viertel, massiv beschädigt. Man erkennt in der Nordwand eine deutliche Fuge, die auf Reparatur und Wiederaufbau deutet. Die 1354 neu gegründete jüdische Gemeinde nutzte das Bad wieder.
In der zweiten Grabungskampagne 2008 konnte der Beckenbereich ausgeräumt werden. Für die Arbeitszeit musste die Pumpe das Grundwasser im Becken entfernen.
Die Zeichnung der Südwand zeigt die Zugangssituation über eine Treppe von Westen aus dem Vorraum.
Romanische Plastik
An einem in der 2. Bauphase zweitverwendeten Sandsteinquader wurde 2010 eine kleine Plastik entdeckt. Dabei handelt es sich um einen äußerst qualitätvoll gearbeiteten Kopf eines jungen, bartlosen Mannes, der eine Lilienkrone trägt. Stilistisch kann dieses Bildnis in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts datiert werden. Er ist umgedreht eingemauert und war unter Mörtel verborgen.
Wie es zu interpretieren ist, bleibt unklar. Ebenso wenig lässt sich abschließend klären, woher die wiederverwendeten Sandsteinblöcke stammen.
Erst im Winter 2010 entdeckte man dieses Köpfchen unter einer dicken Mörtelschicht.
Nachnutzung
Nach der erzwungenen Abwanderung der Juden aus Erfurt 1453 wurde das Wasserbecken verfüllt und die Mikwe in einen Keller umgewandelt. Im Jahr 1472 zerstörte ein Stadtbrand das dazugehörige Haus. Danach wurden Nord- und Westwand abgebrochen und vor dem Schutt im westlichen Teil eine Zwischenwand eingezogen. So konnte der Raum weiter als Keller genutzt werden, mit einem neuen Zugang durch die Ostwand. Ab 1495 wurde der Friedhof der Benediktikirche über die Westhälfte der ehemaligen Mikwe ausgeweitet. Das Haus selbst stand noch bis in die 1960er Jahre, danach erfolgte hier die Anlage einer Grünfläche.
Mit der Freilegung der Mikwe konnte ein neuer Puzzlestein dem Netzwerk "Jüdisches Leben in Erfurt" sowie der Bewerbung für den Titel "UNESCO-Weltkulturerbe" hinzugefügt werden.
Der Schutzbau wurde in der ersten Jahreshälfte 2011 durch das Architekturbüro Gildehaus und Reich Weimar errichtet. Die museale Präsentation der Mikwe eröffnete im September 2011. Seitdem sind Besichtigungen des Ritualbads im Rahmen von Führungen möglich.
Im September 2011 konnte der vom Weimarer Architekturbüro gildehaus.reich geplante Schutzbau eröffnet werden.
Logo Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie
Aktuelle Nachrichten
08.05.2012
Schüler des Ratsgymnasiums drehen Film über die Alte Synagoge Erfurt
Aktuelle Veranstaltungen
01.06.2012
18:00 - 00:30 Uhr,
Lange Nacht der Museen - Programm der Alten & Kleinen Synagoge sowie an der mittelalterlichen Mikwe
20.05.2012
20.05.2012, um 11:00 Uhr, 14:00 Uhr und 16:00 Uhr, Mikwe + Alte Synagoge
Internationaler Museumstag: Öffentliche Führungen in der Alten Synagoge und an der mittelalterlichen Mikwe
Öffentliche Führungstermine an der Mikwe
15.05.2012, 15:00 Uhr
Mittelalterliche Mikwe Erfurt
Treffpunkt: Mittelalterliche Mikwe, Kreuzgasse
Teilnahme kostenlos
20.05.2012
Internationaler Museumstag
11:00 Uhr
Führung an der mittelalterlichen Mikwe (Treffpunkt Mikwe in der Kreuzgasse): "Vom rituellen Tauchbad zur musealen Präsentation"
22.05.2012, 17:00 Uhr
Mittelalterliche Mikwe Erfurt
Treffpunkt: Mittelalterliche Mikwe, Kreuzgasse
Teilnahme kostenlos
24.05.2012, 15:00 Uhr
Mittelalterliche Mikwe Erfurt
Treffpunkt: Mittelalterliche Mikwe, Kreuzgasse
Teilnahme kostenlos
29.05.2012, 17:00 Uhr
Mittelalterliche Mikwe Erfurt
Treffpunkt: Mittelalterliche Mikwe, Kreuzgasse
Teilnahme kostenlos
01.06.2012,
18:00 bis 00:30 Uhr
Lange Nacht der Museen
05.06.2012, 15:00 Uhr
Mittelalterliche Mikwe Erfurt
Treffpunkt: Mittelalterliche Mikwe, Kreuzgasse
Teilnahme kostenlos
07.06.2012, 15:00 Uhr
Mittelalterliche Mikwe Erfurt
Treffpunkt: Mittelalterliche Mikwe, Kreuzgasse
Teilnahme kostenlos
09.06.2012, 16:00 Uhr
Kaschern und koscher
Eine Führung durch das jüdische Quartier und zur Mikwe
durch StattReisen e.V.
Treffpunkt: Alte Synagoge
Kosten: 7,00 EUR/ 5,00 EUR
12.06.2012, 15:00 Uhr
Mittelalterliche Mikwe Erfurt
Treffpunkt: Mittelalterliche Mikwe, Kreuzgasse
Teilnahme kostenlos
14.06.2012, 15:00 Uhr
Mittelalterliche Mikwe Erfurt
Treffpunkt: Mittelalterliche Mikwe, Kreuzgasse
Teilnahme kostenlos
19.06.2012, 15:00 Uhr
Mittelalterliche Mikwe Erfurt
Treffpunkt: Mittelalterliche Mikwe, Kreuzgasse
Teilnahme kostenlos
21.06.2012, 15:00 Uhr
Mittelalterliche Mikwe Erfurt
Treffpunkt: Mittelalterliche Mikwe, Kreuzgasse
Teilnahme kostenlos
26.06.2012, 15:00 Uhr
Mittelalterliche Mikwe Erfurt
Treffpunkt: Mittelalterliche Mikwe, Kreuzgasse
Teilnahme kostenlos
28.06.2012, 15:00 Uhr
Mittelalterliche Mikwe Erfurt
Treffpunkt: Mittelalterliche Mikwe, Kreuzgasse
Teilnahme kostenlos
Buchbare Führungsangebote zur mittelalterlichen Mikwe
Buchbare Führungsangebote in der Mikwe
Die Mikwe kann aber auch jenseits öffentlicher Führungstermine gebucht werden. Hierfür stehen Ihnen folgende Angebote zur Verfügung:
Paket "Alte Synagoge und Mikwe"
Der Rundgang führt Sie zunächst durch die Dauerausstellung der Alten Synagoge. Im Anschluss daran besichtigen Sie die mittelalterliche Mikwe in der Kreuzgasse. Das Paketangebot dauert circa 120 Minuten und kostet 80,00 EUR / Gruppe zuzüglich des Eintritts in die Alte Synagoge.
Rundgang "Mittelalterliche Mikwe zu Erfurt"
Der Rundgang zur mittelalterlichen Mikwe zu Erfurt erklärt deren Baugeschichte, die Hintergründe der archäologischen Untersuchungen sowie die rituelle Funktion einer Mikwe. Der Rundgang dauert circa 45 Minuten und kostet 40,00 EUR / Gruppe.
Die mittelalterliche Mikwe wird zudem im Rahmen des Stadtrundgangs "Auf den Spuren jüdischer Geschichte" besucht.
Führung für Kinder: "Tahara - Von kalten Füßen, nackten Frauen und Geistern"
Der Rundgang richtet sich an Kinder- und Jugendgruppen zischen 5 und 12 Jahren. Die Führung zur mittelaterlichen Mikwe dauert circa 45 Minuten und kostet 40,00 EUR / Gruppe
Die mittelalterliche Mikwe können Kinder zudem im Rahmen der Kinderstadtführung "Wenn Ihr wollt ist es (k)ein Märchen. Jüdische Kinderstadtführung Erfurt" erkunden.
Führung durch StattReisen: "Kaschern und koschern"
Der Verein StattReisen bietet eine Führung in und um das mittelalterliche Tauchbad an. Der Rundgang dauert circa 60 Minuten und kostet 80,00 EUR / Gruppe.